Der Comic befindet sich also zwischen Foto und Film. Dabei ist die Bild-Text-Verbindung nicht sein Alleinstellungsmerkmal. Was den Comic aber ausmacht, ist …
… die Lücke zwischen den Bildern.
Das kann erst einmal verwirrend sein, denn in der Lücke ist ja … nichts.
Manchmal ist sie nahezu unsichtbar – meistens aber deutlich zu erkennen. Sie hat sogar einen eigenen Namen: Gutter, zu Deutsch „Rinnstein“.
Aber wie kommt man darauf, dass die Lücke so wichtig ist?
Durch die Lücke bekommt der Leser die Aufgabe, einen Zusammenhang zwischen den Bildern herzustellen und die Leerstelle mit seinen eigenen Gedanken zu füllen. Denn wo nichts ist, muss ein Sinn entstehen.
Dieser Prozess ist notwendig, damit sich der Comic in Bewegung setzt. Denn nur auf diesem Weg kann sich auch die Story entfalten. Und das passiert vor allem im Kopf des Lesers oder der Leserin.
Möglicherweise werden ein paar findige Nerds anmerken: „Was ist eigentlich mit den Splashpages?“, also Comicbilder, die sich über eine gesamte Doppelseite ausbreiten. Entfällt dort die Lücke?
Auch bei Doppelseiten ist sie vorhanden. Sie verschiebt sich nur. Und zwar in die Geste des Umblätterns.
Während sich für gewöhnlich das Auge von Bild zu Bild bewegt und dabei über die Lücke wandert, gelangt man bei der Doppelseite durch das Umblättern zum nächsten Bild. Der Effekt bleibt gleich: Während man blättert, wird die Lücke zur nächsten Seite mit den Gedanken des Lesers gefüllt.
Das Entscheidende für den Comic ist also, dass die Bildfolge immer durch Lücken abgetrennt ist. Allein dadurch grenzt sich der Comic bereits visuell von den anderen Medien ab.
Aber das ist noch nicht alles …
Der Comic befindet sich also zwischen Foto und Film. Dabei ist nicht die Bild-Text-Verbindung sein Alleinstellungsmerkmal, sondern die Lücke zwischen den Bildern.
Während man beim Lesen also die Aufgabe hat, diese Lücke mit Sinn zu füllen, passiert noch etwas anderes.
Dafür bietet sich ein abschließender Vergleich mit dem Film an. Denn der Film als Medium unterliegt immer einer fest vorgegebenen Laufzeit, zum Beispiel 120 Minuten. Er wird also exakt diese 120 Minuten benötigen, um einmal durchzulaufen.
Diese Zeitvorgabe gibt es beim Comic nicht. Der Comic kann in 30 Minuten oder in einer Stunde gelesen werden. Das heißt, der Leser interpretiert nicht nur, was in der Lücke zwischen den Bildern passiert, sondern auch in welcher Geschwindigkeit das Geschehen abläuft. Und das bedeutet vor allem eins: Selbstbestimmung.
Und so kommt alles zusammen, um schließlich die Frage zu beantworten: „Was macht das Comiclesen so einzigartig? Was kann der Comic, was andere Unterhaltungsmedien nicht können?“
Es ist die selbstbestimmte Lesezeit in Verbindung mit der sinnstiftenden Lücke zwischen den Bildern, die den Leser aktiv in die Erzählung einbindet. Genau das macht die Faszination des Comiclesens aus und das ist es auch, was nur der Comic und kein anderes Medium kann. ■